Die massive und
medial wirksam aufbereitete Kritik der Grünen - insbesondere von Volker Beck, dessen Büro bei
abgeordnetenwatch.de seine Meinung vertritt - am
Christival und seinen Seminaren über Homosexualität und Abtreibung und angeblichen frauenfeindlichen Tendenzen lässt Christen etwas ratlos zurück. Seit längerem vermuten vor allem viele evangelikale Christen den Beginn einer (freilich noch eher subtilen) Christenverfolgung in Deutschland.
Ulrich Parzany schlägt in seinem idea-Kommentar ("
Steht auf, wenn ihr Christen seid!") genau in diese Kerbe, wenn er sagt:
Niemand sollte glauben, dass sich diese Intoleranz nur auf das Gebiet der Homosexualität beschränken wird. Mit der gleichen Logik lässt sich die christliche Verkündigung, dass der Mensch in seiner Gottvergessenheit und Gottlosigkeit unter dem Gericht Gottes steht und nur durch Jesus Christus gerettet werden kann, als Diskriminierung des selbstbestimmten Menschen, der nicht an Gott glauben will, beurteilen.
Stehen wir am Beginn einer Christenverfolgung in Deutschland? Müssen wir uns darauf gefasst machen, dass die gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse in Zukunft viel stärker gegen den christlichen Glauben sprechen werden als bisher? Vor diesem Hintergrund erweisen sich übrigens die massiv kritisierten Aussagen des anglikanischen Erzbischofs Rowan Williams zur Einführung der Scharia als tiefgründiger als von dem Großteil der Presse und der Öffentlichkeit wahrgenommen (empfehlenswert dazu ist
dieser Artikel des stern).
Oder handelt es sich dabei um eine rein evangelikale Wahrnehmung, die angesichts massiver Verflechtungen der Großkirchen mit Staat und Gesellschaft und vieler Privilegien, die Christen in Deutschland genießen, eher wie eine Paranoia daherkommt? Und ist es nicht ohnehin ein Fehler des Christivals, überhaupt staatliche Förderung angenommen und diese Kritik damit provoziert zu haben?
Friday, February 22. 2008 at 22:13 (Reply)
Ich denke übrigens - wie Parzany -, dass die Gefahr eine echte ist und es sich nicht bloß um evangelikale Sensibilitäten handelt (nicht zuletzt hat ja die katholische Seite kath.net Parzanys Artikel auch übernommen - da gibt es also durchaus ähnliche Sorgen).
Übrigens gab es gerade in Österreich erst vor wenigen Monaten einen sehr ähnlichen Fall, nämlich den interdisziplinären Kongress "Religion und Psychiatrie" in Graz (http://www.rpp2007.org/), wo ebenfalls jemand von "Wüstenstrom" auftreten sollte, letztlich aber wegen des massiven medialen Drucks ausgeladen wurde. Die Medien haben sich in der Berichterstattung wieder mal vom Niveau her unterboten, zumal man schnell draufkam, dass der Hauptorganisator des Kongresses, Univ.-Doz. Raphael Bonelli, Opus-Dei-Mitglied ist - uiuiui! Hier ist noch ein relativ differenziertes Stück Berichterstattung, der das Ganze gut zusammenfast. (Leider hat es die Autorin des Artikels allerdings nicht geschafft, den Vornamen des Organisators richtig wiederzugeben...)
Das Wunder war dann letztlich eher, dass die Uni Graz den Kongress nichtsdestotrotz abgehalten hat - genauso, wie es jetzt eher für mich fast ein Wunder ist, dass die sonst oft so feigen Politiker zu Christival halten und sich nicht gleich vor Becks Forderungen auf den Boden schmeißen. Vielleicht gibt es also doch noch ein Stück Zivilcourage auf der Welt??
Thursday, February 28. 2008 at 15:53 (Link) (Reply)
ich halte es auch für bemerkenswert, dass deutsche politiker das christival weiterhin stützen. allerdings bin ich zwiegespalten darüber, ob das und die öffentlichen zuschüsse für das christival so sinnvoll sind. vielleicht sollte man das nächste mal zu 100% auf spenden setzen.
interessant übrigens zu lesen, dass bekenntnisorientierte katholiken evangelikale da ähnliche probleme haben. ich wünschte in der evangelikalen bewegung würde sich endlich auf breiter ebene die erkenntnis durchsetzen, dass die zusammenarbeit mit bekenntnistreuen katholiken sehr notwendig ist. aber es ist schön zu beobachten, dass sich immer mehr leute dafür stark machen, und sich gegen die alten pietistischen klischees gegenüber katholiken befreien.