Es gibt etwas Unfassbares in meinem Leben. Nein, eigentlich gibt es mehrere unfassbare Dinge, die meinem ach so feinen christlichen Leben wie ein Makel anhaften. Aber eines davon ist eben die Sache mit Bob Dylan, die vielmehr die Sache mit D. ist, einem guten Freund von mir.
D. weiß nicht, dass ich Christ bin, und dass ich gerne in die Kirche gehe. Bis heute rede ich mir immer wieder ein, dass ich einfach den perfekten Zeitpunkt verpasst habe, ihm davon und von Jesus zu erzählen. Aber das ist natürlich nur eine hohle Phrase, die nicht funktionieren darf. Doch sie funktioniert bisher gut, und ich kann förmlich das Gelächter des Feindes hören über meine blödsinnigen Bedenken und meine Ausreden, warum ich ihm gerade JETZT nicht vom Glauben erzählen kann.
Viel zu of fühle ich mich dann wie in jenem Moment vor ein paar Jahren in einem großen Elektrofachgeschäft, als ich mich nach Bob Dylan erkundigte und noch keinerlei Ahnung von seiner Musik hatte.
Da sagte mir der Verkäufer er könne mir wärmstens
Blood On The Tracks empfehlen oder
Desire oder
Planet Waves. Ich nahm ein andere CD in die Hand. Das Cover fiel mir auf. Es war
Slow Train Coming. Was sei denn mit diesem Album, fragte ich. Er schüttelte bloß entsetzt den Kopf. Nein, das sei nicht gut. Warum?, fragte ich. Da habe der so religiöse Sachen gemacht, das sei wirklich nicht gut. Aha, erwiderte ich, ok, und stellte es schnell - offen angeekelt - weg. Stattdessen kaufte ich wie empfohlen
Blood On The Tracks und
Desire, zweifelsohne die besten Alben von Dylan. Aber heute weiß ich, dass
Slow Train Coming auch ein verdammt gutes Album ist, halt nur mit christlichen Texten, weil Dylan sich damals bekehrt und "einer kalifornischen Sekte" (wie es in einer Fernsehreportage genannt wurde)angeschlossen hatte.
Auf
Slow Train Coming,
Saved und
Shot Of Love erzählt Dylan vom Glauben, ganz intensiv, mit der Schärfe und der Klarheit eines frisch Bekehrten.
Winzige Lebensepisoden wie diese bleiben witzigerweise haften. So klein und unwichtig das doch alles in Bezug auf Bob Dylan-Albem ist, umso wichtiger wird das im größeren Zusammenhang.
Eben wie bei D.
Klarheit und Schärfe? Fehlanzeige. Bekenntnis? Verzweifelt gesucht.
Stattdessen nur Wischiwaschi wie im Fachmarkt, lieber ducken und nichts sagen, lieber das Konforme kaufen und der christlichen Botschaft ausweichen, sie ausblenden.
Warum nur lasse ich mich einschüchtern von den kirchenfeindlichen Sprüchen des D., seinem Hass auf die Kirche, seine Verneinung Gottes, von seiner Liebe zu Dan Browns Unfug
Sakrileg, und seiner damit verbundenen Bejahung der dunklen Machenschaften der katholischen Kirche? Und von einer intensiveren Verständnislosigkeit aller göttlichen Einflüsse gegenüber seit seine Mutter schwer an Krebs erkrankt ist? Wäre nicht gerade da ein Anküpfungspunkt, wie viele sagen? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich - ganz simpel gesagt - Schiss habe. Schiss habe davor, unsere Freundschaft ob seiner Aggressivität gegenüber Kirche und Glauben aufs Spiel zu setzen. Schiss davor, dass das einen Graben zwischen uns reißt, der
mir ganz und gar nicht gefallen würde. Klar bete ich für ihn, aber mehr eben auch nicht. Ich weiß, das ist gar nicht Jesus-like. Aber was soll ich tun? Und wIe soll ich es tun? Ich weiß es einfach nicht.
Sunday, November 26. 2006 at 12:38 (Link) (Reply)
ich glaube, in dieser Situation ist Gebet vielleicht die einzige Möglichkeit - aber man soll es eben nie geringschätzen! Möglicherweise kann intensives Gebet mehr bewirken als ein Gespräch, das vielleicht doch danebengeht.
Ich habe gerade gestern mit mehreren Leuten von der Legion Mariens geredet, die von ihrem Apostolat her sehr intensiv in der Mission tätig sind. Und eine hat dort gesagt, dass man oft gar nicht das erreicht, was man erreichen möchte - aber Gott führt alles doch einem SInn zu. Sie erzählte zum Beispiel, wie sie mal eine Clique von vier Jungs zu einer christlichen Party eingeladen und danach einen ausführlich "bearbeitet" haben, weil sie den für den "hoffnungsvollsten" hielten - und dann bekehrte sich aber gar nicht der, sondern ein anderer aus der Clique!
Also: Beten, beten, beten. Kein Aktivismus (schließlich macht ja alles der Heilige Geist, wir sind bloß Seine Werkzeuge). Wenn es sich ergibt, offen sprechen (z. B. kann man über die Inhalte von "Sakrileg" möglicherweise vernünftig reden, ohne sich gleich zu "outen"). Aber das Gebet ist das Wichtigste.
P.s.: Obwohl Du möglicherweise auch mal fallenlassen kannst, dass Du Christ bist, z. B. wenn Du einen Kirchenbesuch erwähnst. Reicht schon aus als Zeugnis. Aber wenn Du meinst, das ist nicht gut, dann eben nicht. Gott wird schon Seinen Weg finden.
Tuesday, November 28. 2006 at 16:23 (Link) (Reply)
das hat mich nicht selten in bedrängnis gebracht. und bei d. bin ich nun eben übervorsichtig. ob das gut ist oder schlecht, weiß ich nicht so genau. ein bisschen was tun sollte ich, die kraft sollte ich eigentlich haben. ein gespräch suchen, dazu stehen, an was ich glaube, über sakrileg sprechen. das alles sind ansätze, zurzeit fehlt mir aber der mumm.
allerdings muss ich ja den mut nicht wirklich aufbringen. ich sollte das alles in gottes hände geben. er sollte mich zu seinem gefäß machen, mich benutzen. so hab ich es oft gelesen, in christlichen ratgebern und vor allem in der bibel. aber dorthin zu gelangen ist eine ganz andere dimension. es liest sich so einfach und bei anderen christen hört es sich so einfach an, aber ich scheitere daran oft. gefäß gottes zu sein ist anscheinend nicht leicht.
Sunday, December 3. 2006 at 09:48 (Link) (Reply)
ich habe selbst oft die gleichen Probleme wie Du (Aktionismus, zu wenig Gebet). Ich denke aber, wir sind uns gar nicht bewusst, wie viel Gott auch mit so unfertigen und sündhaften Gefäßen wie uns machen kann. Ein Priester hat mir mal in der Beichte sehr schön gesagt: "Ein Heiliger ist nicht der, der nie hinfällt, sondern einer, der nachher immer aufsteht." Und er verwies dabei natürlich auf den Heiligen Petrus...
Ich selbst bete fast jeden Tag zu Jesus Christus, mein Herz zu reinigen und mein "Herz aus Stein" gegen ein "Herz aus Fleisch" auszutauschen. Ich glaube, die Wirkung des Gebetes - auch für unsere Heiligung und Besserung - ist gar nicht zu unterschätzen, nur ist die Entwicklung halt eine ganz langsame, die wir oft selbst erst nachträglich merken.
Und was das Zeugnis und Apostolat betrifft: Der Hl. Franz von Assisi hatte den berühmten Ausspruch: "Ich verkünde das Evangelium allezeit - und wenn nötig, auch mit Worten." Wir leben zwar nicht so radikal wie der Hl. Franziskus, aber ich glaube, diese Aussage ist trotzdem wichtig: oft reicht schon unsere Existenz in der Welt, unser Zeugnis, dass wir für Christus leben, um andere zum Nachdenken und womöglich auch zu Gott zu bringen. (Bei meiner eigenen Bekehrung hat so ein Zeugnis etwa eine wichtige Rolle gespielt.)
Wir müssen also oft nicht großartige Sachen machen, sondern einfach oft nur da sein. Und wenn es mal doch um's reden geht: direkt vorher den Heiligen Geist anrufen, Der gibt uns schon die richtigen Worte ein...